Aktuelles aus der Augenheilkunde

Verzerrtsehen - wie kommt es dazu?

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Ein Symptom - mehrere mögliche Ursachen

29. April 2015

 

"Wenn gerade Linien plötzlich krumm erscheinen, dann ist das ein Alarmsignal", warnt der Berufsverband der Augenärzte Deutschlands (BVA). 

Wem die Fugen der Fliesen im Bad plötzlich krumm erscheinen oder wer den Eindruck hat, der Fensterrahmen habe eine Beule, der sollte unverzüglich eine Augenarztpraxis aufsuchen. Am häufigsten ist es eine feuchte Altersbedingte Makuladegeneration (AMD), die solche Probleme mit der Wahrnehmung verursacht, doch auch andere Augenkrankheiten können dahinter stecken.
 
Verzerrte Linien im Zentrum des Gesichtsfeldes sind äußerst störend: Genau dort, wo hingesehen wird, ergibt sich kein klares, scharfes Bild. Es fällt schwer, zu lesen oder Gesichter zu erkennen. Verantwortlich sind für solche Symptome krankhafte Veränderungen in der Mitte der Netzhaut. Hier liegt die Stelle des schärfsten Sehens, die sogenannte Makula. Verschiedene Augenkrankheiten können verzerrtes Sehen –Metamorphopsien – hervorrufen.
 
Feuchte AMD
Die häufigste dieser Krankheiten ist die feuchte AMD, von der in Deutschland schätzungsweise 250.000 bis 300.000 Menschen betroffen sind. Bei dieser Krankheit wachsen unter der Netzhaut neue, schadhafte Blutgefäße, die undicht sind. Aus ihnen tritt Flüssigkeit aus, sodass die Netzhaut von ihrer Unterlage abgehoben wird. Die Folge ist das verzerrte Sehen. Unbehandelt stirbt die Netzhaut in diesem Bereich ab, sodass in der Mitte des Gesichtsfeldes ein blinder Fleck entsteht. Rechtzeitig erkannt, lässt sich die feuchte AMD aber durch die Gabe von Medikamenten, die das Gefäßwachstum hemmen, erfolgreich behandeln. Dafür wird der Wirkstoff unter sterilen Bedingungen im Operationssaal ins Auge gespritzt. Diese Behandlung muss mehrfach wiederholt werden. Langfristig sind regelmäßige Kontrolluntersuchungen notwendig und je nach Krankheitsverlauf auch erneute Behandlungen. Die Häufigkeit der Krankheit nimmt mit wachsendem Alter zu. Augenärzte empfehlen daher ab dem 60. Lebensjahr regelmäßige Früherkennungsuntersuchungen.
 
Diabetisches Makulaödem
Zu den am meisten gefürchteten Folgen der Zuckerkrankheit gehören Schäden an der Netzhaut. Der erhöhte Zuckerspiegel im Blut schädigt auf Dauer die feinen Blutgefäße im Auge. Die Versorgung der Netzhaut mit Nährstoffen leidet darunter. Wenn von diesen Veränderungen die Makula betroffen ist, dann kann ein diabetisches Makulaödem (DMÖ) entstehen: Aus schadhaften Blutgefäßen der Netzhaut tritt Flüssigkeit aus, sodass die Netzhaut sich verdickt: Ein Ödem der Netzhaut entsteht. In Deutschland waren im Jahr 2012 etwa 109.000 Menschen von dieser Augenkrankheit betroffen. Auch das DMÖ kann, rechtzeitig erkannt, durch die Gabe von Medikamenten ins Auge behandelt werden. Diabetiker sollten mindestens einmal jährlich augenärztlich untersucht werden, um Schäden an der Netzhaut rechtzeitig zu erkennen.
 
Traktive Makulopathien
Das Symptom „verzerrtes Sehen“ kann aber auch auftreten, wenn die natürliche Alterung des Glaskörpers im Auge nicht normal abläuft. Der Glaskörper füllt als Gel den größten Teil des Auges aus. Er besteht vor allem aus Wasser, darin befinden sich Salze, Kollagenfasern und andere Stoffe wie Hyaluronsäure. Die Alterung des Glaskörpers setzt etwa ab 50 Jahren ein. Dann kommt es einerseits zur Verflüssigung des Gels, andererseits können Kollagenfasern „verklumpen“ und werden dann mitunter als „Mouches volantes“, kleine Flusen, die durchs Gesichtsfeld treiben, wahrgenommen. Mitunter löst sich der Glaskörper mit seinen Kollagenfasern von der Netzhautoberfläche ab – es kommt zu einer hinteren Glaskörperabhebung.
Doch nicht immer gelingt diese Ablösung vollkommen. Einzelne Kollagenfasern und Zellen können an der Netzhaut haften bleiben, die sich vermehren und weitere Fasern produzieren. So entstehen Faserstränge oder Membranen, die schließlich einen Zug auf die Netzhaut ausüben. Sie können sogar Löcher in der Makula verursachen. Für die Behandlung traktiver Makulopathien stehen zwei Wege zur Verfügung: Die mikrochirurgische Entfernung des Glaskörpers, bei der die Anhaftungen auf der Netzhaut gelöst werden und – als neue Behandlungsmöglichkeit in bestimmten Fällen – die einmalige Injektion eines Medikamentes in den Glaskörper. Der Wirkstoff Ocriplasmin wirkt wie ein Enzym und löst die Anheftungen des Glaskörpers an der Netzhaut. Er schiebt gleichsam den ins Stocken gekommenen Alterungsprozess weiter an.

 

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Dopamin verhindert Längenwachstum des Augapfels

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Myopieforschung

30. April 2015

 

Helles Licht fördert die Freisetzung von Dopamin in der Netzhaut und verhindert das Längenwachstum des Augapfels. 

 

Etwa jeder dritte Bundesbürger ist kurzsichtig – Tendenz steigend. Die sogenannte Myopie nimmt in vielen Staaten Europas, Amerikas und besonders stark in Südostasien geradezu epidemische Züge an. Dabei lässt sich der Fehlsichtigkeit womöglich relativ einfach vorbeugen: Mehrere Studien haben ergeben, dass Kinder umso seltener eine Kurzsichtigkeit entwickeln, je häufiger und länger sie sich im Freien aufhalten. Helles Licht fördert die Freisetzung von Dopamin in der Netzhaut und verhindert das Längenwachstum des Augapfels, erklären die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) und die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (DOG) anlässlich eines Fachartikels in Nature. 

Bei der Myopie ist in der Regel der Augapfel zu lang und damit die Entfernung der Hornhaut und Linse von der Netzhaut größer als normal. Warum bei einigen Menschen Kurzsichtigkeit entsteht und bei anderen nicht, ist seit vielen Jahren Thema der Forschung. „Immer wieder werden Erbfaktoren genannt; Zwillingsstudien deuten darauf hin“, sagt Prof. Helmut Schatz, Mediensprecher der DGE aus Bochum. „Dies kann aber nicht der einzige Grund sein“, betont Schatz und verweist auf eine bereits 1969 veröffentlichte Studie, in der Inuit im Norden Alaskas untersucht wurden. Bei den noch in isolierten Gemeinschaften aufgewachsenen Erwachsenen waren nur zwei von 131 kurzsichtig. Bei ihren Kindern und Enkeln mit verändertem Lebensstil waren hingegen bereits mehr als die Hälfte betroffen. „So schnell kann sich das Erbgut kaum verändert haben“, erklärt Schatz. 

 

Tageslicht kontra Kurzsichtigkeit

Viele Studien einschließlich der kürzlich erschienenen „Gutenberg-Studie“ aus Mainz haben gezeigt, dass Kurzsichtigkeit eng mit dem Ausbildungsstand verknüpft ist. Ausbildung beinhaltet mehr Lesen und mehr Aufenthalt in geschlossenen Räumen. Obwohl die meisten epidemiologischen Studien einen Zusammenhang zwischen Kurzsichtigkeit und „Naharbeit“ gefunden haben, ist nach Meinung von Prof. Frank Schaeffel vom Forschungsinstitut für Augenheilkunde am Universitätsklinikum Tübingen immer noch schwer zu fassen, was genau beim Lesen die Kurzsichtigkeit auslöst.Eine besondere Rolle nimmt hingegen der Faktor Tageslicht ein. „Zahlreiche Studien weisen darauf hin, dass der Aufenthalt im Freien bei Kindern einer Kurzsichtigkeit entgegenwirkt – vermutlich wegen der besseren Lichtverhältnisse“, erklärt Schaeffel. Denn in Innenräumen werden meist nicht mehr als 500 Lux erreicht, an sonnigen Tagen im Freien dagegen selbst im Schatten etwa 10.000 Lux, wie der Wissenschaftsjournalist Elie Dolgin unter Berufung auf australische Forschungsergebnisse im Wissenschaftsjournal Nature schreibt. Demnach schätzt der australischeWissenschaftler Prof. Ian G. Morgan, dass Kurzsichtigkeit bei Kindern verhindert werden kann, wenn sie täglich etwa drei Stunden lang mindestens 10.000 Lux ausgesetzt sind. 

 

Zusammenhang von Licht und Dopamin

Im Tiermodell konnte ein Zusammenhang von Licht mit Dopamin gezeigt werden. Versuche an Küken, die eine Injektion ins Auge mit dem Dopamin-Hemmstoff Spiperone erhielten, hob bei ihnen den schützenden Effekt des Lichts wieder auf. „Diese Erkenntnisse sind nicht nur ein Meilenstein für die Myopie-Forschung, sie zeigen auch die Bedeutung der Endokrinologie als interdisziplinäre Wissenschaft“, hebt Schatz hervor. Für die beiden Experten ist die Konsequenz aus diesen Forschungsergebnissen klar: „Kinder sollten so viel wie möglich im Freien spielen.“

 

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